Strasser Interview Teil 3

Veröffentlicht auf von Kulurschreiber

Raimund Bahr

Um noch einmal zur Musik zurückzukommen. Hast du eigentlich daran gedacht, einmal das Instrument zu wechseln?

Tilman Strasser

Nein! Ich habe Geige ohne großen Hintergedanken gelernt. Als ich später angefangen habe, Kammermusik zu machen und in einem Orchester zu spielen, habe ich rasch festgestellt, die Geige ist das führende Element. Ich war ja ganz gut in der Geige ,und da habe ich dann, wenn ich mit Gleichaltrigen ein Quartett spielte oder in einem Orchester, immer die erste Geige gespielt. Ich sah also keine Veranlassung, das Instrument zu wechseln.

Würdest du dich selbst als begabt einschätzen? Du hast einmal erwähnt, daß du in der Schule relativ wenig Probleme hattest und du hast leicht Geige gelernt. Erst vor kurzem hast du zu schreiben begonnen und schreibst schon absolut passable Texte.

Ich muß es vielleicht so ausdrücken: Ich bin unglaublich faul.

Das gehört bis zu einem bestimmten Grad, glaube ich, zur Begabung dazu.

Ich fürchte.

Man sagt den Begabten ja nach, daß sie eher faul seien.

Meine Mutter hat mir das immer bestätigt und bestätigt mir das heute noch. Ich merke es auch bei mir selbst: Ich bin unheimlich faul. Ich habe für nichts, was ich bisher erreicht habe, einen großen Aufwand betreiben müssen, der mir noch im Gedächtnis geblieben wäre. Das Arbeitsintensivste, was ich jemals gemacht habe, war, den gesamten Stoff für mein Mathegrundkurs-Abitur in einer Woche nachzulernen. Mathe ist nicht das, wofür ich begabt bin.

Aber ansonsten habe ich weder für den Text beim Seeschreiber Wettbewerb noch für die Aufnahmeprüfung im Konservatorium einen großen Aufwand betreiben müssen. Es fällt mir jetzt schwer zu sagen, ich bin begabt, aber es irritiert mich schon, daß mir manche Sachen so leichtfallen; und es irritiert mich, daß ich selber große Probleme mit meiner Arbeitseinstellung habe. Ich sehe eigentlich gar nicht ein, warum ich immer wieder so viel Glück habe, daß ich Sachen wie z.B. den Seeschreiberbewerb gewinne, obwohl andere wahrscheinlich viel mehr dafür arbeiten. Ich habe einen grundsätzlichen Stock an schlechtem Gewissen und ahne, daß es irgendwann so kommen wird, daß ich für irgend etwas wahnsinnig viel arbeite und dann daraus nichts wird, um all das wieder aufzuwiegen.

Ist dir das unangenehm? Das klingt fast so, als würdest du dir wünschen, mehr arbeiten zu müssen für das, was du kriegst. Siehst du dieses Leichtfallen als Behinderung?

Mit diesem Leichtfallen ist verbunden, daß es mir schwerfällt festzustellen, wo ich hingehöre, was ich wirklich machen will, weil ich glaube, daß ich kein ganz spezielles Talent habe. Als ich mich entschloß Musik zu studieren, habe ich viele Leute kennengelernt, die heute noch immer Musik studieren. Leute, die das durchziehen, können nur das. Das soll nicht abschätzig klingen, sondern die sind wirklich, wirklich gut dabei. Das ist ihr Talent. Die wissen das auch und die studieren dann Geige und spielen ihr Leben lang Geige, und das ist gut so. Auf der Schreibschule in Hildesheim ist das schon ein wenig besser, weil wir zu Kulturjournalisten ausgebildet werden. Wir sollten ja vom Profil her ein wenig weltoffener, ein wenig flexibler sein. Aber auch die Leute, die schreiben wollen, können fast alle nur schreiben. Die sind sehr fixiert darauf.

So was habe ich nicht. Ich habe das Gefühl, ich habe von allem ein bißchen. Ich weiß auch nicht, ob ich ein Schriftsteller bin, ob ich der Erzählertyp bin. Ich habe mich ein wenig mit Autorentypen beschäftigt, damit, was Leute zum Schreiben motiviert. Ich konnte mich mit wenig davon anfreunden und konnte mich auch keinem Typ zuordnen. Ich konnte das alles nicht so richtig für mich umsetzen.

Ich weiß nicht, ob ich Autor bin oder ob ich Musiker bin. Im Moment ist der Fluch dieses Leichtfallens eben der, daß ich noch nicht weiß, was ich machen will.

Du hast dich also noch nicht entschieden?

Es irritiert mich halt. Wenn ich viel arbeiten hätte müssen, um diesen Preis zu bekommen, dann würde es mir vielleicht leichter fallen, zu sagen, das will ich machen, weil mir die Arbeit Spaß macht. Ich habe einmal in meinem Leben eine Geschichte fertiggeschrieben und die ist hier genommen worden.

Würdest du gerne besser wissen, was du willst?

Eigentlich weiß ich schon, daß ich unglaubliches Glück habe. Wenn man es beschwört, dann verläßt es einen womöglich, aber irgendwie habe ich schon das Gefühl, daß es unfair ist, daß das alles so einfach geht.

Günther Anders, ein bedeutender österreichischer Philosoph, wird als hochbegabt eingeschätzt, und er sagte in einem Interview sinngemäß: Das einzig wirklich Schreckliche in seinem Leben wäre gewesen, mit der Begabung, mit der Unterstützung durch das Elternhaus, die er mitbekommen hat, nichts anzufangen. Das hätte er sich nicht verzeihen können. Das wäre Verschwendung von Möglichkeiten gewesen. Das finde ich eine gute Aussage. Es ist ja nicht der Zeitpunkt von Bedeutung, wann man sich für eine Richtung entscheidet, aber die Anlagen nicht für die eigenen Interessen zu nutzen, um das zu entwickeln, was man entwickeln will, weil man es kann, das ist ein Aspekt, den habe ich gut gefunden, weil ich denke, daß das stimmt.

Ich bin heute noch getrieben von einem Satz, den mein Vater über meinen Großvater auf einer Fahrt von einer Familienfeier nach Hause gesagt hat. Mein Großvater war Bürgermeister in irgendeinem Ort, hat sich aber eigentlich nie wirklich dafür interessiert und seine Zeit hauptsächlich mit Schreiben und Malen zugebracht. Mein Vater sagte über ihn, daß er seine Talente gut gepflegt habe. Das war für mich, so simpel dieser Satz auch sein mag, ein kleiner Aha-Effekt. Ich hatte damals schon einige Möglichkeiten: Ich konnte angeblich gut schreiben, gut denken, gut Geige spielen. Aber ich wußte einfach nicht, damit umzugehen. Der Aussage von Günther Anders kann ich mich anschließen, herauszufinden, was habe ich für Talente und wenn ich sie entdeckt habe, muß ich sie pflegen, ich muß sie nutzen, das Beste daraus machen.

Man sollte. Müssen muß man gar nichts.

Das stimmt schon. Müssen muß man nichts. Aber ich verstehe den Satz schon so, daß man irgendwie die Pflicht durch das Talent auferlegt bekommt.

Aber jetzt wissen wir, es gibt natürlich eine Person in deinem Leben, die künstlerisch orientiert war, das ist der Großvater väterlicherseits, der gemalt und geschrieben hat. Auch in deiner Familiengeschichte gibt es eine Linie in künstlerischer Hinsicht. In den seltensten Fällen betreibt ein Künstler aus sich selbst heraus Kunst. Es gibt meist biographisch einen Anlaß, der ihn dazu anregt. Wenn man biographisch nachforscht, dann taucht innerhalb der Familie immer eine Person auf, egal ob sie positiv oder negativ besetzt ist, die einen Impuls gibt. Dabei muß diese Person selbst gar nicht künstlerisch tätig sein.

Ist das so?

Meine Erfahrung ist das schon. Bei allen Autoren, mit denen und über die ich bisher gearbeitet habe, gibt es einen solchen Impuls durch eine Person. Und dieser Impuls wird immer über Sprache vermittelt. Diese Personen bringen Sprache in das Leben der Autoren, ob über das eigene Schreiben, das Erzählen von Geschichten oder in der Abgrenzung durch Sprachverluste oder Sprechverbote. Die Sprache bei mir? Ich weiß nicht so genau, wo das herkommt. Aber ich habe bis zum dritten Lebensjahr kaum etwas gesprochen, besagt die Legende.

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