Strasser Interview Teil 5

Veröffentlicht auf von Kulurschreiber

Raimund Bahr

Wie ist das weitergegangen? Hast du diesen Schreibimpuls wieder aufgegriffen? Wie hat sich das entwickelt?

Tilman Strasser

Ich habe immer gern gelesen, aber Schreibversuche gab es wenige. Als ich fünfzehn war, gab es in unserer Gemeinde einen lokalen Schreibwettbwerb, da wurde gefragt: Wie stellt man sich die Gemeinde in hundert Jahren vor? Meine Mutter las das in der Zeitung und stellte fest, daß es da noch kaum Einsendungen gab. Sie kam dann zu mir, das war der letzte Impuls, an den ich mich von ihrer Seite erinnere, und sagte: Du kannst doch schreiben, willst du da nicht mitmachen? Ich schrieb dann mehr aus Trotz, weil meine Mutter so ironisch fragte, eine Geschichte und gewann den zweiten Preis. Ich bekam nichts dafür außer einer Erwähnung in der Zeitung.

Ich weiß, daß ich auf meinem alten Computer, dessen Festplatte leider kaputt ist, dreißig Dokumente mit dem Inhalt: Jetzt werde ich gleich mal ein bißchen was schreiben, weil ich schon ewig lange nichts mehr geschrieben habe, angelegt hatte. Impulse gab es immer wieder mal, die mündeten aber nie in irgendeinen ernsthaften Versuch Schriftsteller zu werden oder konsequent an Texten zu arbeiten.

Was war die Motivation, beim Seeschreiber mitzumachen?

Die Motivation war, daß ich ein Semster auf der Schreibschule in Hildesheim war.

Was heißt Schreibschule? Das gibt es in Österreich nicht.

Der Begriff Schreibschule kommt aus der Leipziger Schule. In Leipzig gibt es einen Studiengang für kreatives Schreiben, der von dem österreichischen Schriftsteller Josef Haslinger geleitet wird. Der dauert sechs Semster, und da lernt man schreiben. Dort sind viele Autoren und Autorinnen durchgegangen, die heute relativ bekannt sind. Der Begriff Schreibschule ist im Feuilleton besonders negativ geprägt, vor allem in Bezug auf die Leipziger, weil die technisch sehr gut schreiben, aber alle eben auf ein und denselben Stil geprägt sind.

Heißt das, daß die dort standartisiertes Schreiben lernen? Die lernen dort Schreibtechniken?

Laß es mich so sagen: Es gab sicherlich eine Generation von Schriftstellern, die da rauskamen, die sehr ähnlich geschrieben haben. Da gibt es vielleicht zehn, zwölf Regeln, die man ausformulieren könnte. Zum Beispiel wenn du einen Text hast, fünfzig Prozent der Adjektive wegzustreichen, klar zu schreiben, strukturiert zu schreiben, nach creativ writing Regeln, mit rasanten Einstiegen, mit showing not telling, mit diesen ganzen Werkzeugen. Von dieser Generation sind eben nur die Besten übrig geblieben. Inzwischen hat sich da einiges geändert. Und in Hildesheim sowieso.

In Hildesheim läuft es ohnehin ein wenig anders. Dort ist es mir fast zu vielfältig. Allerdings: in den Themen ähneln wir uns alle sehr. Es ist halt auch nicht mehr so leicht wie früher, ein gutes Thema zu finden, das noch nicht besetzt ist oder nicht schon früher verarbeitet wurde. Vom Stil her sind die Sachen aber sehr unterschiedlich.

Worauf ich ursprünglich kommen wollte: Man sagt den Hildesheimern nach, daß sie sehr an dem Leipziger Modell orientiert seien. Ich hatte zum Zeitpunkt meiner Bewerbung beim Seeschreiber ein Semster an der Hildesheimer Schreibschule hinter mir, in dem ich fast nichts geschrieben hatte. Das ging übrigens den meisten in meinem Jahrgang so. Wir haben alle soviel zu tun mit dem Lehrstoff, daß wir kaum zum Schreiben kommen. Deshalb habe ich mir in den Ferien gedacht, jetzt mußt du mal was schreiben, du bist schließlich auf einer Schreibschule. Du mußt dir ja auch überlegen, willst du ein Autor werden oder nicht. Die Geschichte habe ich dann ein wenig von Freunden lektorieren lassen und hierher geschickt.

Haben es Autoren und Autorinnen, die auf einer Schreibschule waren, leichter, bei einem Verlag unterzukommen oder auf dem Literaturmarkt Fuß zu fassen?

Gemessen an der Menge der Schreibschüler kommen natürlich mehr Schreibschüler als Nicht-Schreibschüler unter, das ist klar. Der Markt fand es eine Zeitlang ganz gut, daß es viele junge Autoren gab. Das Problem, das viele an den Schreibschulen sehen, ist, daß die Themen sich schnell abnützen. Nehmen wir mal an, man könnte den Leuten ab einer gewissen Veranlagung das Schreiben tatsächlich beibringen, dann bliebe ja nur die Frage, wie sie sich durch ihre Themen abgrenzen. Da das meisten junge Leute sind, die dort hingehen, grenzen sich die Themen gar nicht ab. Es gab Geschichten über Wohngemeinschaften, Großstadtgeschichten, Liebesgeschichten. Jetzt braucht der Markt das nicht mehr. Der Markt ist übersättigt.

Und ob es leichter ist unterzukommen? Ja, sicher werden einem durch die Schreibschule Tore geöffnet, wenn du etwas Interessantes bringst.

Ob es einem wirklich hilft? Ich bin mir nicht sicher.

Ich denke, wenn man durch Hilfestellungen und nach einem Buch bei Suhrkamp nachsetzen kann, dann hilft das schon. Aber ohne Eigeninitiative wird selbst die beste Hilfe verpuffen.

Es gibt eine Sache, die einen Unterschied macht zwischen der klassischen Autorenbiographie und der Schreibschülerentwicklung: Du unterliegst in der Schreibschule in den drei, vier Jahren, die du dort studierst, einem harten Lektorat. Du gibst ständig deine Texte in große Textwerkstätten. Wir sind immer Konkurrenten. Und es wird meist kein gutes Haar an den Texten gelassen. Sofort wenn du reinkommst, kriegst du mal eine Wunde geschlagen, fast wie auf Schaulspielschulen, weil dein Text, den du ja zuerst einmal lieb hast, sofort verrissen wird. Alle Schreibschüler sagen zwar, daß sie besser schreiben können und einen besseren Blick auf die Texte haben, aber eine unglaubliche Entfremdung von den eigenen Texten erleben.

Ich habe gerade zufällig Mein Name sei Gantenbein von Max Frisch gelesen. Ich fand dieses Buch großartig. Aber mich beschleicht das Gefühl, daß dieses Buch wenig lektoriert wurde. Ich denke, ich habe mit meinem Schreibschulenblick ein paar Stellen gefunden, die stilistisch nicht ganz sauber sind. Auch ein paar Scherze haben sich eingeschlichen, die Frisch sich erlaubt, die nicht zum übrigen Stil des Buches passen. In der Textwerkstatt würden die Leute wahrscheinlich sagen: ist das nicht ein Stilbruch? Aber der Punkt ist: bei Max Frisch funktioniert selbst ein Stilbruch und macht das Buch großartig. Es ist gut so, daß der Schreibweg früher ein anderer war. Ich glaube, solche Autoren wird es in Zukunft immer weniger geben, wenn sie einmal durch eine Schreibschule gegangen sind. Ich weiß nicht, wie viele Karrieren überhaupt noch außerhalb dieser Schreibschulen stattfinden. Einige sind mir bekannt, aber es werden immer weniger, kommt mir vor.

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