Strasser Interview Teil 2
Raimund Bahr
Wie würdest du deine Familiensituation schildern, wenn du einem Biographen in vierzig, fünfzig Jahren sagen müßtest, wie das war im Sumpf der Kindheit? Da gibt es bei manchen Autoren Schilderungen von ganz elenden Kindheitserfahrungen. Ich kenne nur sehr wenige, die sagen, die Kindheit war in Ordnung und gar nicht tragisch.
Tilman Strasser
Das ist ganz lustig, weil ich im Schlafzimmer gerade das Buch von Erich Kästner Als ich ein kleiner Junge war liegen habe. Ich habe mir das in Berlin gekauft und wußte nicht, daß das ein Kinderbuch ist. Der hatte eine glückliche Kindheit.
Meine Eltern leben noch im selben Haus, wohnen also zusammen, obwohl sie nicht zusammenleben. Sie sind aber auch nicht geschieden. Es gibt kaum Gespräche zwischen ihnen. Dieses Klima hält seit ungefähr zwölf Jahren vor und hat sich damit in meiner Kindheit schon ein wenig verewigt. Das hat mich geprägt, weil die Situation etwas komisch war.
Ich wurde hauptsächlich von meiner Mutter erzogen und habe seit dem viele Zeichen oder Sachen an mir festgestellt, in schüchterner Selbstanalyse oder von außen gesagt bekommen, die auf eine sehr dominante Mutterfigur hinweisen. Von banalen freudschen Traumdeutungen, die man auf jeden Mist anwenden kann, bis hin zu Verhaltensweisen, die Einzelkinder und Menschen mit einer starken Mutterfigur haben.
Kannst du da ein Beispiel nennen?
Was halt das einfachste Beispiel ist: eine teilweise etwas seltsame Umgangsform mit Frauen, die zwischen Vergötterung und Angst schwankt. Angst ist in meinen Frauenverhältnissen immer ein Stück dabei, ohne ins Detail gehen zu wollen. Mir fallen da halt große Namen ein: Sartre hat das zum Beispiel auch an sich festgestellt. Er wuchs auch in einem Frauenhaushalt auf und hatte diese sehr dominante Mutter. Er hatte einerseits großes Verständnis für Frauen und ein großes Einfühlungsvermögen in deren psychische Welt, was manchmal für Männer doch etwas schwierig ist. Auf der anderen Seite war sein Verhältnis durchaus auch von einer gewissen Angst geprägt.
Dieses angstvolle Verhältnis hat er dann aber gut überspielt, weil als kleiner, häßlicher Mann kommt er ja an die attraktive Beauvoir heran, und er galt ja auch als ein Frauenliebhaber. Er hat das offensichtlich über die intellektuelle Ebene gelöst.
Man muß diesen Komplex ausgleichen, und er hat es über Intellektualisierung gemacht. So hat er sich in die Frauen hineinversetzen können und wußte damit natürlich auch, was ankommt. Vermute ich mal. So weit ist es bei mir nicht, aber eine ähnliche Struktur im Verhältnis zu Frauen habe ich schon und ich merke, daß das bei vielen normalerweise anders ist.
Und dein Verhältnis zum Vater?
Mein Vater hat mich kaum erzogen. Er war mehr wie ein guter Freund in der Kindheit. Wenig da und als Freund ein bißchen merkwürdig. Ich hatte zu ihm eher ein Kumpelverhältnis. Ich nenne ihn auch nur mit Schwierigkeiten Papa. Seinen Vornamen sage ich aber auch nicht. Ich versuche die Anrede zu umgehen.
Das stelle ich mir seltsam vor.
Gar nicht vorstellen. Sagen wir einfach ein freundschaftliches Verhältnis.
Wie ist das mit deinem Bruder? Es gibt ja so Geschwisterkonstellationen, wo die Konkurrenz um die Mutter stark im Vordergrund steht, wo es eher ausgeglichen oder einer unterlegen ist.
Ich denke, es war lange Jahre ein Konkurrenzverhältnis. Wir glänzten immer in unterschiedlichen Bereichen. Er hatte immer Schwierigkeiten in der Schule. Mein Bruder hat das damit ausgeglichen, indem er im Haushalt geholfen hat und der liebe, nette, schüchterne Junge war. Ich war dadurch gehandicapt, daß ich immer schon eine große Klappe hatte. So glich sich das wieder aus. Es war immer ein Konkurrenzverhältnis. Inzwischen denke ich, daß es nicht mehr so ist, weil wir beide ausgezogen sind. Meine Mutter versucht den Kontakt zwischen uns zu fördern. Langsam nähern wir uns einander an.
Wo hast du dein kritisches Verhältnis zur Welt her? Zumindest habe ich ein solches an dir wahrgenommen. Die Fragen, die du an die Welt stellst. Ist das in der Familie verankert, oder kommt das aus der Schule?
In der Familie ist es nicht verankert.
Das kann natürlich auch eine Großmutter, ein Großvater, ein Tante oder ein Onkel sein.
Ich bin von meiner Großmutter, die sehr viel mit meiner Erziehung zu tun hatte, christlich erzogen.
Evangelisch oder katholisch?
Ich bin katholisch, meine Großmutter ist evangelisch, aber das spielt ja keine Rolle.
Das ist schon ein wesentlicher Aspekt. Ich war evangelisch und mein Vater war katholisch und politisch marxistisch geprägt. Das ist eine unheilvolle Kombination. Wenn also ein Katholischer von Evangelischen miterzogen wird, dann kann das durchaus eine Bedeutung haben. Es gibt keinen ausgeprägten Dogmatismus im Evangelischen. Das kann natürlich zu einer gewissen Offenheit führen.
Wie würdest du diese Frage beantworten? Ich tu mich da ein wenig schwer, ein bestimmtes Ereignis zu finden.
Also bei mir liegt es auf der Hand. Ich komme aus einem politisierten Haushalt. Mein Vater war linker Sozialdemokrat. Bei mir zu Hause wurde immer politisiert: zu Weihnachten, zu Ostern, zu Geburtstagen. Es gab keinen Anlaß, bei dem nicht gestritten wurde. In der einen Familienhälfte gab es die Mitläufernazis, in der anderen die linken Sozialdemokraten oder Kommunisten. Für mich wurde dann später Hesse und nicht Marx der Ankerpunkt. Vielleicht auch ein wenig in Abgrenzung zum Vater. Aber auch Hesse habe ich damals schon politisch gelesen, als eine Art Weltbeschreibung. Mit der Lektüre von Sartre mündete das dann alles in politische Fragestellungen. Aber immer in Differenz zum Vater. Mein Bruder war im Zentralkomitee der Maoisten. Damals kam die Grünenbewegung auf, und ich bin mit vierzehn mit meinem Bruder gegen Zwentendorf plakatieren gegangen. Das war eine logische Konsequenz der Erziehung. Ich meine, es hätte nicht notwendigerweise in eine linke, sondern auch in eine rechte Positionierung münden können, aber ich war immer in einem politischen Milieu. Insofern bin ich ein schlechtes Beispiel, um Ankerpunkte in der Biographie festzumachen, weil meine politische Entwicklung zu klar und deutlich ist. Das hilft dir nicht wirklich weiter.
Ich kann ein wenig diese christliche Erziehung bieten, die natürlich auf Toleranz fußt, die zum Liberalen hinleiten könnte. Aber da sind ganz viele Konjunktive. Es war kein politisches Elternhaus. Ich weiß nicht, wo meine Eltern politisch stehen. Vielleicht habe ich schlichtweg zu viel gelesen.
Lesen hilft. Gibt es Lehrer, von denen du sagen könntest, an die hast du dich gehalten, die haben dir Bücher empfohlen? Das Lesen allein ist bei der Politisierung vielleicht ein bißchen wenig. Es muß meiner Meinung nach eine Person geben, die einen so fordert, daß man über das nachzudenken beginnt, was man liest. Das Lesen selbst ist ja nur eine mediale Oberfläche, wenn man das Gelesene nicht interpretieren kann, nützt es politisch auch nichts.
Es gab eine tolle Figur in der elften Klasse, einen Lehrer, der war sehr bayrisch, und das assoziere ich immer noch mit sehr konservativ. Der hielt das Bayrische zwar hoch, war aber ein alter Linker, was er auch gar nicht verheimlichte. Er hat Deutsch und Religion unterrichtet. Der war sicher einer, der mich in tendentiell linken oder liberalen Gedankengängen stärken und mir Hinweise auf Bücher geben konnte. Er hat mir sicher Angebote gemacht.
Was natürlich auch beitragen kann, sind offensive Schulklassen. Ich habe zum Beispiel eine Klasse wiederholt und bin dann aus einer Streberklasse in eine Klasse gekommen, wo viele Mitschüler waren, die auch wiederholt haben. Ich kam in eine Art Auffangbecken der Kreativität. Dort bin ich dann mitgeschwommen. Vorher war ich der Letzte und dann war ich plötzlich einer der Ersten in einer unglaublich dynamischen Gruppe, was mir half, dieses politische Element zu entwickeln.
Eines ist mir gerade eingefallen: Ich bin aufgewachsen im zweitreichsten Landkreis Deutschlands, im Würmtal, der reichste ist der Main-Taunuskreis um Frankfurt rum. Ich bin auf eine der schwersten Schulen Bayerns gegangen. Das war eine sehr elitäre Geschichte. Der Ort, wo ich aufgewachsen bin, wird nur von Neureichen bewohnt. Stahenberg ist das Zentrum des Würmtals. Ich habe mal ein Praktikum bei der Lokalzeitung gemacht. Dort siehst du nur ältere Frauen mit offenen BMWs und Mercedes Kabrioles. Unglaublich klischeehaft. Es ist etwas ärgerlich, weil man es auf Grund der Klischeehaftigkeit nicht aufschreiben kann, denn als literarisches Bild würde es nicht funktionieren. Wie gesagt: das Würmtal ist eine Ecke von Neureichen, in der ich sehr behütet aufgewachsen bin. Die Stimmung in der Klasse war langweilig und normal, das war weder besonders harmonisch noch besonders disharmonisch. Wenn es eine politische Richtung gab, dann war die leicht konservativ, weil die Kinder halt das Milieu und das Denken der Eltern angenommen haben. Schließlich gibt es auch das Klischee über Ärztesöhne und Kinder von Neureichen, die sollen ja unglaublich gelangweilt und konservativ sein.
Später, in Düsseldorf, kam ich in einen Freundeskreis, wo die Leute stolz darauf waren, universitäre Proletarier zu sein. Die studierten Geisteswissenschaften und Philosophie. Am Wochenende ging man aber ordentlich saufen in der Altstadt und las die TAZ. Es war nicht das klassische linke Milieu, aber linker als alles, was ich bis dahin kennengelernt hatte. Da ich nun mal in diesem Freundeskreis war, begann ich mich damit auseinanderzusetzen.