2007 Wettbewerbstext Wawerzinek

Kleines Seebeben. Sieben Erinnerungen an mein Seeleben

Wettbewerbstext 2007 - Peter Wawerzinek

 

Eins

Wir waren am See. Ein Hemd, eine Badehose auf dem Leib. Wir schoben das Brett, in das wir ein Loch gebohrt hatten, für den Zweig, die Feder, über den feuchten Sand ins Wasser, das sich wie richtiges Meerwasser anfühlte, teilte und hinterm selbstgebauten Boot mächtige Schlingerspuren erzeugte.

Wir saßen am See. Er war unser Weltenmeer. Wir hielten unsere Beine von der wackligen Seebrücke aus ins Wasser. Wir meinten, an einem Kai zu sitzen von einem großen Frachtschiffhafen.

Wir beobachteten jeden vorbeiziehenden Fischerkahn wie einen Containerfrachter. Wir folgten dem Schiff, bis es hinterm Schilf nicht mehr zu sehen war.

Wir saßen gedankenverloren am kleinen See mit unserer Seesehnsucht.

Die Landzuge mit den Reihenpappeln nannten wir Amerika. Wo die Badestelle hell von gegenüber leuchtete, wähnten wir Afrika, den Nil, einhöckrige Kamele. Wir sahen den Fischern zu, wenn sie ausfuhren, ihre Netze auszulegen. Wir waren anwesend, wenn sie die fangvollen Netze einholten.

Wir rannten zu ihnen hinüber. Sie hievten die Boote ans Land.

Auf uns war Verlaß. Wir nahmen Anteil an ihrer gewöhnlichen Zeremonie. Wir achteten jeden Handgriff, den die Fischer aufwendeten, um tote, halbtote, lebendige Fische aus dem Netz zu befreien. Wir hielten gebührenden Abstand. Die Köpfe zur Seite gelegt. Die Hände auf dem Rücken verschränkt. Die Bäuche leicht vorgestreckt. So standen wir und machten Geste, war ein Fisch von besonderer Größe zu bestaunen. Die Fischer nahmen uns wahr. Die Fischer nahmen uns nicht wahr. Unser Interesse für sie und ihr Tun erfüllte sie mit unsichtbarem, unleugbarem Stolz.

Die Möwen belauerten von sicheren Schauplätzen aus jede Handbewegung. Sie kreischten auf. Sie benahmen sich anarchisch. Es ging den Möwen darum, ihre Freßgier zu laben.

 

Zwei

Es gibt nichts Besseres für kleine Jungs, wie mir und meinem Freund widerfahren. Jungs, die wir allezeit und am See waren, um nichts weiter zu tun, als an unserem See zu sitzen und an den Wunderfisch zu glauben. Seufzen, bockig nach ihm ausrufen. Daß der Fisch auftauchen, sich zeigen, nicht weiter verstecken solle. Nach dem heiligen Butt rufen, ihm sich anvertrauen wollen, mit ihm, zum guten Beispiel, gemeinschaftlich groß werden möchten. Alles hinter sich vergessen. Die Familien, ihre fortdauernden Angelegenheiten hinter sich lassen, hinaus ins Seeabenteuer rauschen.

Mit dem besten Freund am See sitzen. Von früh morgens bis zur beginnenden Nacht. Mit der Angeln in der Hand. Sich ausmalen, wie es wäre, mit einem Delphin gemeinsame Lebenszeit zu verbringen, groß zu werden wie er, lebenslange Beziehung zu ihm aufzubauen oder Wal unter Walen zu sein, von den Bewohnern der Wasser gemocht und umhegt, mit Meerestieren verwandt, ihnen gleichgestellt sein.

Das alles sind allemal helfende Kindheitskrücken zur Bewerkstelligung des Traums. Es ist da kein größeres Sein vonnöten als dieser See vorhanden. Es genügt, im Geiste an ihm zu sitzen. Schon hast du Teil am großen Kindheitstraum damaliger Tage, geträumt von kleinen Jungen, an einem viel kleineren See, welcher die Welt einer ist. Geträumt von Jungen, die keine Männer sind. Geträumt von Männern, die nicht Männer wurden, Jungen blieben und ewig voll von Sehnsucht, wie die Adern mit Blut gefüllt sind.

 

Drei

Ihr Menschen. Möget Orte, die bis ans Wasser reichen! Im Hintergrund, wie abgeschieden, das Dorf. Möget es, Menschen. Seht die Bergkette in weiter Entfernung! Schaut genau hin! Eventuell sind weiße Gletscher oben zu sehen.

Liebt es, am See zu sitzen. Nehmt gebratenen Fisch auf eure Handteller! Fühlt das warme Fett, fühlt den Leib des Fisches aus dem See, der ihn Fischleib werden ließ!

Der unbändige Wind tummelt sich auf der Terrasse. Laßt ihn gewähren!

Möget die schmalen Treppen, engen Gassen, die zum See hinführen, den Blick auf ihn unmittelbar vorher freigeben.

Fahrt auf die kleine ferne Insel! Achtet den winzigen Hügel hinterm See, der von einem Kirchturm punktiert zum romantischen Blickfestpunkt wird.

Ganz wie von einem Rhythmus getrieben, benehmen sich die Leute am See und um den See herum wie Teilnehmer an einem populären, hoch unspektakulären Gemeinschaftstanz. Ach, sehet, sie wiegen sich im Rhythmus der Wellenwinde.

Und da ist ein Stimmengewirr an so einem See, das bekommst du nirgends, in keinem anerkannten Theater in dieser schlichten Fülle vorgesetzt. Festlich sind die Sonette des Windes überm See.

Wo Bratschen zu schmerzen beginnen, wird der See eine dunkle Person, der niemand zu nahe kommt. Ihr aber, Leute im Rund, vernehmet die Oboe über all dem! Und wisset: Das Wasser ist eine große Botschafterin. Ich sage euch, davon weiß das Kind am See. Davon weiß jeder Seejunge, ob am Wasser geboren oder einmal mit ihm in Berührung gekommen.

 

Vier

Wieder ist das Kind versunken. Sitzt auf dem Boden über Büchern. Verschwindet in die Breiten der Seefahrerwelt. Ist Mannschaftssuppenkelle, ist Land-in-Sicht, ist „Landschaft unter“. Scheppert über Atlanten. Sticht in die wilderen Bilder seiner Bibliothek. Heuert an auf großen Schiffen. Schuftet zur Seite grober Piraten. Prägt sich die Takelage alter Segelboote ein. Merkt sich die Gestaltung der Bootskörper, von gewandten Eskimos erdacht, erbaut. Studiert gewissenhaft die Beschaffenheit der Masten, Planken, Ösen, Streben, Keile, Stützhölzer. Baut im Geiste hohe Sichtkörbe. Lernt die Namen der Schiffe auswendig. Lernt die Namen ferner Häfen. Bewahrt alles inwendig. Weiß von den Kränen am langen Landungsplatz zu Rotterdam. Kann Auskunft geben gleich dem Mann vom Fach. Und sitzt zum Ende seines Tages hin wie jeden Tag am Bodenfenster. Staunt den Sonnenuntergang an. Verfolgt das Spiel der Wolken über dem kleinen See, der hinter den Bäumen still zu vermuten in sich ruht.

 

Fünf

Es hatte eine lange Brücke bei uns am See. An der Brücke seitlich war ein Anlegesteg errichtet worden. Vom Horizont aus, weit hinterm Schilfgürtel, näherte sich das Touristenboot, das Fremde und Einheimische von Brücke zu Brücke brachte. Das Manöver, um an die Anlegestelle zu kommen, war ein spannendes Unterfangen. Der Mann mit dem Seil, wenn er nicht scharf achtete, konnte ausrutschen oder sonstwie unglückliche Figur abgeben, den für das Seil vorgesehen Pfahl verfehlen. Die kleine Zugangsbrücke zwischen Anlegesteg und Bootskörper wurde ausgelegt. Auf ein Zeichen des Bootsführers hin durften die Leute aussteigen.

Wir lehnten am Geländer der Seebrücke und schauten uns die Ankömmlinge an, unterscheidend, wer ein routinemäßiger Brückenpendler war und welche der Leute neu in diese Gegend geraten waren: Damen, die unsicher tapsten und flatternde Kopftücher trugen, alberne Hüte gegen aufkommende Winde auf dem Haupt zu halten versucht waren. Männer in lächerlich wirkender Maskerade, mit Schiebermütze, dunkelbraunen Jacken angetan, mit auffälligen Goldknöpfen und aufgestecktem Ankermotiv ausstaffiert. Kinder in seefreudige Umhänge gemummelt, als würde gleich Regenflut fallen. Menschen an schweren Koffern und Kisten astend, aufgeblasene Schwimmreifen unter die Achseln geklemmt, Angelzeug, Schippen und bunte Eimer anbei.

Oh, und sie sahen blaß aus, diese Ankömmlinge. Sie wankten und schwankten, wenn sie anlangten, nicht allein von Welle und Wasser.

Sie redeten nicht viel.

Sie schauten sich um.

Sie ertasteten das Land mit scheuen Blicken.

Hinter ihnen lachten die Wellen, über ihnen grinste ein enormer Himmel.

Sie blieben zwei Wochen, selten länger. Wenn sie abfuhren, waren Tränen auf ihren Wangen. Es fiel ihnen schwer, sich am Weggang zu erfreuen, den Abschied schön zu finden. Wir Jungen standen wieder ans Geländer gelehnt, so wie wir zum Empfang gestanden haben.

Sie standen auf den Planken der Boote und konnten sich nicht lossehen vom Land. Sie blickten vor dem Verlassen der Brücke auf alles und jeden einzelnen von uns an. Wir sahen zu ihnen zurück, als hätten wir sie nicht, sie uns nie oder keiner von beiden Seiten sich nie wahrhaft stehen gesehen.

Sie fuhren fort, wie die vor ihnen fortfuhren. Sie stoppten ihre Gefühlswallungen mit dem ersten Kurswechsel. Sie wischten die Tränen weg. Sie kniffen sich oder dem Nebenmann in die Oberarme. Sie fingen sich wieder auf. Sie kriegten sich wieder ein. Sie rissen die Arme empor, streckten ihre Hände aus, winkten wild und sahen durch ihre mitgeführten Ferngläser, um sich zu orientieren und davon zu überzeugen, daß das Land, das sie jetzt hinter sich ließen, da war, da bleibt, auch wenn es aus ihrem Sichtbereich verschwand.

Sie ließen unseren kleinen Ort hinter sich. Sie verließen unsere kleine Idylle. Sie begaben sich heim wie in eine Ungewißheit, eine unbekannte Region, zu der das Zuhause zwangsläufig geworden ist, wenn man aus dem Urlaub heimkehrt, für edle Momente außer sich, woandershin, in die anheimelnde Fremde geraten.

So fuhren sie dahin, wo wir gerne gelandet wären. Von der Brücke zur nächsten Brücke. Von dort aus zur Straße, zum Bus, zur Bahn, zum Flieger, der Menschen fortträgt, direkt ins Zentrum ihrer jeweiligen Kindheitsrealitäten. So dachten wir jedesmal am See stehend, steif und in Mimik gehüllt. Wie als ginge uns der Abschied der anderen nichts an im Gemüte.

 

Sechs

Mit dem nächsten Schiff langten Neuankömmlinge an. Mit dem erstbesten Schiff werden wir abhauen, den vertrauten Heimatsee verlassen, ihn in der Welt wiederfinden.

 

Sieben

Schlichte Dinge zieren das Haus am See. Buntglasfenster mit skurrilen Motiven. Liebespaare in schmalen Gondeln. Seesterne und kämpfende Krebse. Ein ultramariner Wassergeist kratzt sich mit dem Dreizack seinen Rücken. Gegen die Außenwände prasselt Regen, der vom Himmel kommt und ein Regen ist wie ein feierliches Präsent des Himmels an den See in fallender Wasserform zurückerstattet.

Siehe den alten Mann, der dort am See sitzt. Jeden Tag um die gleiche Stundenzahl. Wisse von diesem Mann am See, daß er dort seit Jahrzehnten hockt, daß er am Wasser lebt, weil er nie fortgegangen ist, nicht mitgezogen ist, als die anderen ihre Sachen hoch aufstapelten und mit dem Automobil ins gleißende, so verlockende Fernlicht zuckelten.

Er harrt weiter dort am See. Die Welt umrundet ihn. Er sitzt an einem kleinen See im Weltenmittelpunkt. Er atmet für uns alle überschaubare Weite ein. Er sieht die Tage vergehen. Er sieht die Sonne hinterm See untergehen. Kommst du ihm nahe, setze dich zu ihm. Sprich wie mit den Fischen, die man nicht sieht. Und finde auf diese Weise deine innere Sprache wieder.

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