der poder oder wie man zum titicacasee gelangt

Veröffentlicht auf von Kulurschreiber

Wie geht's denn dem nacken, fragte mich meine freundin voller anteilnahme während ich vergeblich versuchte, meinen kopf nach links zu drehen | ist er immer noch sauer? und wie, sagte ich, vermutlich ist der muskel deshalb so starr, weil ihm bei soviel stadtluft das hüpfen vergangen ist, aber eigentlich ist die rippe schuld | die rippe? ja, die obere rippe | welche? na, die zwischen letztem halswirbel und erstem brustwirbel | die rippe, aus der eva geknautscht wurde? vielleicht, antwortete ich, aber ich habe nicht vor, aus meiner rippe einen neuen menschen zu pressen | auch nicht, wenn du gott wärest, fragte meine freundin verschmitzt | wenn ich gott wäre, würde ich meine kinder nicht in diese welt setzen, entgegnete ich tonlos und wandte meinen blick zur see | seit tagen beschäftigte mich nur noch die anreise zum geburtsort der andenbewohner, dem Titicacasee, dessen zivilisationsferne mich faszinierte, obwohl meine freundin, die tief in ihren nescafe schaute, mir nicht glauben wollte, daß mir die luft in 3800 meter höhe bekommen würde | stur und unerbittlich verdüstert betrachtete ich den kleinen fischereihafen von arica, der nördlichsten chilenischen stadtsiedlung an der grenze perus und boliviens, die sich die ufer des Titicacasees teilen und zu dessen inseln ich schon lange unterwegs sein wollte | besonders die Insel der strickenden männer hatte es mir angetan, weil dort die männer stricken und die frauen fischen gehen | aber den peruanischen konsuln war ich nicht korrupt genug | ich hatte mich geweigert, das bestechungsgeld zu entrichten und mit den bolivianischen behörden hatte ich es noch nicht versucht | also befand ich mich noch immer hier, mitten im nichts mit einer 300 meter langen fußgängerzone ohne prachtbauten und verschont von geschäften mit markendesign, mit einer promenade, die für einen yachthafen zu unwirtlich und einem klima, das für golfwiesen zu trocken war, doch gegen das nichtvorhandensein solchen luxus' hatte ich gar nichts einzuwenden, da der Titicacassee, der nur 230 km fluglinie von hier entfernt war, sich um einiges magischer anfühlte als dieser nicht-ort, arica, an dessen stränden hauptsächlich wohlhabende bolivianer, manchmal auch peruaner ihr nacktes fettgewebe ausstellten und angesichts dieser unappetitlichen fettlebigkeit stellte ich mir die frustrierendsten büromenschen vor, die mich vielleicht wieder abblitzen lassen um mir den poder nicht zu genehmigen, der mir die reise zum Titcacasee ermöglichen würde | doch um das herauszufinden, mußte ich anrufen, also stand ich auf, lüftete den brustkorb und wählte die nummer, die, von meinen unwilligen fingern fast zerrieben, auf dem knittrigen zettelchen stand, das ich in der hand hielt | nach unglaublichen fünf sekunden meldete sich das Bolivianische Konsulat, ich erklärte mein anliegen und als ich hörte, daß alles kein problem sei, atmete ich auf | ich müsse nur die Autorication legalisieren für einen klacks von 43 dollares, aber es wäre ratsam, wenn ich die Temporäre Ausfuhrbewilligung für das auto, ausgestellt vom chilenischen zoll, schon dabei hätte | denn da das auto auf den namen einer anderen freundin ausgestellt sei, bräuchte ich eine notariell ausgestellte erlaubnis, die erklärt, dass ich von ihr befugt wurde, das auto zu benützen und das chilenische territorium verlassen darf | soweit alles klar, denn über dieses papier verfügte ich bereits | aber als ich der empfangssekretärin der zollbehörde meine Temporäre Ausfuhrbewilligung zeige, schüttelt diese den kopf | nur das sekretariat des chefs könne diese bestätigen, also drehe ich geduldig däumchen, bis mich der mann fürs konkrete aufruft | gottseidank versteht er sofort, worum es geht und erledigt das sehr speditiv, der wichtigkeit seines tuns bewusst und deshalb dauert alles ein bisschen länger | aber nach nur einer Stunde höre ich das dumpfe stempelgeräusch und wedle mit dem ersten papier siegessicher an der zollempfangsdame vorbei | ich hetze freudig zum Bolivianischen Konsulat, um meine vom chilenischen zoll ausgestellte Temporäre Ausfuhrbewilligung, die notariell beglaubigte Kfz-Nutzungsbefugnis, den Poder, vorzulegen | aber der Poder könne nicht anerkannt werden, weil er in Santiago ausgestellt worden wäre und deshalb nur vom dortigen Konsulat legalisiert werden dürfe | entweder kommt die eigentümerin des wagens nach Arica, um eine neue vollmacht auszustellen oder ich begebe mich nach Santiago, um beim dortigen Konsulat das ding abstempeln zu lassen | das wären ganze 2051 fahrtkilometer bis zum zuständigen konsulat – der Titicacasee verschwamm vor meinen augen – die nicht unaufmerksame sachbearbeiterin schien es zu bemerken und räumte ein, daß, wenn es mir gelänge den Präsidenten der Provinzregierung von Arica und Parinacota zu bewegen, die vollmacht für gültig zu erklären, alles kein problem wäre – der Titicacasee begann sich wieder in zartem Indigo zu kräuseln | den göttern sei dank | ich gehe also zur provinzregierung und bringe mein anliegen vor | verständnisvoll und kooperativ erklärt man mir, daß der Poder nicht von der hiesigen regierung unterzeichnet werden könne, aber wenn ich eine photokopie davon anfertigen und diese bei einem notar als originalgetreue kopie beglaubigen liesse, dann könnte ich in der Abteilung für Ausländer und Immigranten vorsprechen | denn dieses büro würde mit einiger wahrscheinlichkeit daran arbeiten, daß es doch noch gelingt | also fotokopie besorgen und zum notar | nur | vor jeder neuen anlaufstelle wankt eine riesenmenschenboa, deren zipfel ich verlängere | endlich vorn angekommen teilt mir die notarsgehilfin mit, daß ihr notar gerade in der mittagspause sei | also gehe ich zum nächsten | dort ist alles geordnet, ich ziehe eine wartenummer, muß nur 15 Personen vorlassen, weshalb ich die zwischenzeit nutze, einen dritten Notar aufzusuchen | wieder schlange, wieder pulk | ich werfe ich mich dazwischen, schiebe bauch und kopf durch’s gedränge, rufe una precunta porfavor, fummle das papier mit dem aufdruck una precunta porfavor durch den glasschlitz und der mann hinter dem schalter schiebt ein zettelchen zurück mit der zahl 1000 | ich renne zur Kasse, zahle 1000 Pesos und stürze mit der quittung zurück zum notar, der mit meinen und anderen papieren im hinterzimmer verschwindet | nach einer weile taucht er wieder am schalter auf und ich erhalte meine notariell beglaubigte kopie des Poder | das tiefblaue gewand des Titicacasees begann zu schillern | die bleifarbenen felsen an seinen ufern krönten meine hoffnungen, aber die büros der Abteilung für Ausländer und Immigration arbeiten nur nach zuteilungsrate | maximal 40 nummern pro Tag werden aufgerufen und ich habe die nummer 58 gezogen | trotzdem lege ich mein papier einer an einem pult sitzenden dame vor, um ihre aufmerksamkeit umzupolen | sie versteht auch, um was es geht und es sei auch kein Problem, aber ich solle morgen wieder kommen, da der Präsident beschäftigt sei | es gelingt mir enttäuschung zu simulieren und tröstlich zirpt sie, daß ich gegen 13 uhr nochmals vorbeischauen solle | wer weiss, vielleicht werde es ihr gelingen--- jetzt ist es kurz vor 12 | meine frühstückspause | tostado con palta, café con leche | danach abstecher zum strand, um mein adrenalin abzubauen | zehn minuten vor eins stehe ich an der gelben linie des wartebereichs, gedulde mich, bis die charmante dame endlich aufschaut und fröhlich mit dem zettel wedelt | die wasser des Titicacasees beginnen in eisklarem licht zu schimmern | ich schnaufe zum Konsulat zurück und wie ein stolzer hirsch knalle ich meinen papiersieg auf den tisch | das wäre alles prima, adjustiert die beamtin, jetzt könne sie mir das richten, aber vorher solle ich noch zur bank Sant-Ander gehen, nur zwei kleine blocks von hier und 43 dollar auf das konto des konsulats einzahlen | wie zu erwarten sind dort noch viele kunden vor mir, die von und in der Bank irgendetwas wollen | also fülle ich einen überweisungsantrag aus und stelle mich in die reihe, mittlerweile ist es 13 uhr 15 und das Konsulat schließt 14 uhr | endlich am schalter klärt mich der angestellte auf, daß er keine Pesos konvertieren könne und ich zum geldwechsler, nur zwei blocks von hier, gehen und mir die 43 Dollars in cash holen soll | dafür aber müsse ich nachher nicht mehr anstehen | also rase ich noch zwei blocks weiter | wieder eine riesenboa und irgendein geschleckter chilene protzt mit seinen bevorstehenden reisen, für die er gerade Sol's Bolivianos Dollares kauft | jeden schein auf echtheit und den kurs mit dem calculator des handys prüfend, prüft er und prüft, aber ich hatte nicht den eindruck, daß er wusste, wie der calculator wirklich funktioniert | nach einer langen weile schnippt er mit dem finger, woraufhin seine gleichfalls geschleckte frau aus dem nichts auftaucht und die kohle in empfang nimmt | nach links und rechts grüßend zieht er sich endlich zurück, ich reiße meine dollars aus dem brustfach und drängle mich nach vorn, ohne auf die umstehenden rücksicht zu nehmen, ich quetsche mich an den Schalter, erhalte ein abgestempeltes papier, es ist inzwischen 10 vor zwei und ich keuche die zwei blocks wieder zurück, aber die tür des Konsulates ist schon zu | ich klopfe, poche und die nette dame kommt, nimmt mich in empfang und siehe, die stempel fliegen aufs papier, es wird wie wild unterzeichnet und sie schwärmt von Bolivien und der einzigartigen fauna des Titicacasees und ich humple auf kochenden sandalen davon | dem erklimmen des altiplano, der hochebene, die den Lago Titicaca umschließt, stand nichts mehr im wege | der grenzübertritt war eine vergleichsweise fröhliche party gegen das vorspiel | nur daß sich ein deutsches päarchen wegen nichts furchtbar gefetzt hat und vom busfahrer an der grenze ausgesetzt wurde, ohne daß das päarchen sie passieren konnte | besser so, dachte ich, denn die Insel der strickenden Männer sollte von keifenden kurzehen verschont bleiben, damit die strickenden männer ungenervt weiterstricken können, denn das tun sie, seit der Gott der Inka seine Kinder und diese ihre kindeskinder auf einer der nachgiebig schwankenden inseln, der sonneninsel, abgesetzt hat.

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Veröffentlicht in Immekeppel Texte

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