Wawerzinek Text 1
Dieser Text ist dem Buch "Mein Salzkammergut. Von Seefahrten und Seereisen" entnommen. Mehr zu diesem Buch finden Sie beim Verlag Edition Art Science.
Badehütten
Tief und geheimnisvoll, oft fensterlos und kastanienbraun gestrichen, stehen da oder dort dunkle Hütten am Wasser, weisen sich als gängige Badehäuser und Unterstellmöglichkeit für Ruder-, Motor-, Segelboote aus. Und wieder sitze ich auf einer der Uferbänke und ein weiteres Mal gerate ich ins Träumen, wie viel zu oft in St. Wolfgang am Wolfgangsee. Plötzlich sehe ich die dunklen Hütten wie auf ein gemeinsames Zeichen hin, aus ihrer Uferbefestigung befreit, ungezwungen vom Kai gelöst, auf den See hinaustreiben. Sehe sie Wasserland gewinnen. In einem Anfall von Übermut sind sie ins Ausschwärmen geraten, treiben und verbreiten sich über den gesamten See. Nehmen sich lustig auf ihm aus. Huckepack im Häuserkampf begriffen, wie wir Kinder im Wasser der Ostsee getollt haben, als es anging und lustig war, vor allem Kind zu sein. Jeweils zu zweit. Immer ein Kind auf des anderen Kindes Schultern haben wir miteinander gerungen, uns kämpfend im Wasser getummelt und legendär gewordene Reitergefechte geliefert. Alles dahin! Alles vorbei und ausgestanden.
Das Badehaus des Gasthofs Zimmerbräu ist Nur für Hausgäste da. Welcher Herkunft die liebend gesehenen Gäste sind, verrät der in bestem Englisch angefügte Zusatz Summer House Gasthofs Zimmerbräu Guests only. Die Tür einer sichtlich älteren Hütte, die nicht mit den jungen wilden Kinderhütten auf den See hinausgetrieben ist, ist mit der Aufschrift Rudolfshöhe versehen. Über der Türklinke sind zwei Kreise gepinselt. Die Kreise sind zentral je mit einem Punkt verziert. In ihrer Gesamtheit ergeben sie ein Doppel wohlgeformter Mädchenbusen, denkt es in mir, und daß da oder dort in unserer menschlichen Welt nichts über den Anblick einer Frauenbrust hinausreicht, schreibe ich in mein Extrabuch ein, bestimme das Refugium aus Dunkelhütten, Wasser und Stegen, Kai, Mauern, Brettern, Bauten, Balkonen, Gittern, Fenstern, Löchern, Kieselsteinen und Wegen als mein tägliches, nahes Erholungsgebiet. Sobald es meine Zeit erlaubt, bin ich am See, um an ihm zu pausieren, um dabei zu sein, wenn Wolken aufziehen am Himmel, die über den See wischen, gutes und weniger gutes Wetter verheißen. Ich verweile vor einer im Bau befindlichen Badehütte. Schmucklos und freizügig als Rohbau ausgeführt, mit nichts weiter als Seitenwänden und einem Dach darüber. Durch die fehlenden Türen und Fronten geschaut, wird der Blick, wie von einer ausgezeichneten Tourismusbehörde geschaffen, ein großer, eckiger Baulückenausguck über den Wolfgangsee, die Bühne eines Theaters. Vor mir, in See-Segmente geteilt, liegt der See aus, ist herrlicher anzusehen; erhebt sich als sein mehrfacher Bildausschnitt zum Naturaltar und Kunstwerk. Ein Wandgemälde mit See und Berg in großem Rahmen. Ein Schauerlebnis der besonderen Art. Wenn du ins Schwärmen und Gedankenschwanken gerätst, wird alles leicht und weihevoll. Möglichst früh am Tag, möglichst bevor die Leute anstürmen, die ersten Bootsmotoren angeworfen sind, tauche ich auf, um nichts weiter zu unternehmen, als den See, wo sich die Möglichkeit dazu ergibt, durch Spalten und unverhoffte Gänge, Rundungen, Fluchten, Türen, Schlitze und sonstige Aussparungen zu betrachten, die erhaben genug sind, sich als Teil im offenen Fenster oder als launisches Spiegelbild im Sonnenbrillenglas bestaunen zu lassen. Gerade wenn sich der Ort im Wasser als Oberflächenreflex der Seewellen spiegelt, gleicht St. Wolfgang Venedig. Nebelschwaden, die an Zuckerwatte denken lassen, sind zwischen die Berge gelegt und zu bewundern. Sie bilden Hügelketten, die mich an Frauenleiber erinnern und deren Wölbungen.