Strasser Interview Teil 1
Raimund Bahr
Wo bist du geboren und wie hat es dich nach Hildesheim verschlagen, wo du jetzt studierst?
Tilman Strasser
Ich bin am 7.12.1984 geboren, in München, und bin auch in der Nähe aufgewachsen. Ich habe ganz regulär Abitur gemacht und kann über diese Zeit keine besonderen Vorkomnisse mitteilen. Nach dem Abitur bin ich nach Düsseldorf gezogen und habe begonnen Germanistik zu studieren. Das war ganz spontan, weil dort der Studienzugang frei und ich ein wenig spät dran war. Nach Düsseldorf wollte ich immer schon mal. Ich habe also angefangen Germanistik zu studieren und habe aber relativ schnell gemerkt, daß das nicht das Richtige ist, weil zu wissenschaftlich, zu trocken, und mir hat was gefehlt. Nach dem ersten Semester dachte ich, ob es nicht klüger sei, mich umzuorientieren, vor allem weil mir das Studium nicht gefiel und die Berufsaussichten schlecht waren. Ich sah mich dann im Internet um und kam über den Suchbegriff Kulturjournalismus auf die Seite der Universität Hildesheim. Da gibt es den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“. Ich mußte zehn Seiten Prosa oder einen kulturjournalistischen Text als Aufnahmebedingung abliefern. Ich erinnerte mich, daß ich selbst hin und wieder kleine Geschichten geschrieben hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zufällig für eine Autorengruppe an der Universität Düsseldorf zwei Geschichten geschrieben, und die schickte ich dann als Bewerbung ein. Danach gab es noch eine Aufnahmeprüfung. Ich fand das gut, weil ich das Gefühl bekam, das ist etwas, was über das normale Germanistikstudium hinhausgeht. Es wurden nur fünfzehn Leute aufgenommen. In meinem Fall hat die Aufnahmeprüfung und der Hauch des Elitären dazu geführt, daß ich in die Provinz nach Hildesheim gezogen bin.
Warum gerade Düsseldorf als erste Station?
Auch das war Zufall. Ich wollte von zu Hause weg. Ich habe es für meine Persönlichkeitsbildung als eminent wichtig empfunden, daß ich nach dem Abitur komplett ausziehe und mir auch eine andere Stadt suche, in der ich wohne und lebe. Düsseldorf hat sich angeboten, weil es zulassungsfrei war und weil man Musikwissenschaften an der Musikhochschule im Nebenfach studieren konnte. Das gab es nirgendwo anders.
Wieso Musikwissenschaften? Spielst du selbst ein Instrument?
Ich spiele Geige und mache selbst viel Musik. Ich habe auch überlegt, Musik zu studieren, habe dann aber nach einem Semster das Studium der Musikwissenschaften aufgegeben. Dieses Studienfach ist ganz furchtbar.
Warum?
Das ist unglaublich trocken. Es kommt Musik gar nicht vor. Ich habe im ganzen ersten Semester nur einen Dreiklang gehört. Ansonsten saß ich über Notenberge gebeugt und mußte Kadenzen analysieren.
Du hast eben erwähnt, daß du die Germanistik aufgegeben hast wegen der Trockenheit gegenüber der Sprache und die Musikwissenschaft wegen der Trockenheit gegenüber der Musik. Spielst du professionell Geige?
Nein.
Soweit ich dich verstanden habe, spielst du in einem Orchester. Das setzt doch eine gewisse Professionalität voraus, oder? Ich meine, du lebst zwar nicht davon, was ja meist als Gradmesser von Professionalität genommen wird, aber man kann ja auch professionell spielen, ohne Geld zu verdienen.
So gesehen ja. Ich spiele in Orchestern, ich habe überlegt Musik zu studieren, also glaube ich schon, daß ich ganz gut bin. Ich denke, wenn ich Geige studieren wollte, dann müßte ich noch mal ein Jahr intensiven Übens dranhängen.
Seit wann spielst du Geige?
Seit ich vier bin.
Und seit wann schreibst du?
Richtig schreiben erst seit Studienbeginn, also seit ich einundzwanzig geworden bin.
Was ist deine erste Erinnerung, daß du dich hingesetzt hast, um etwas zu schreiben? Nicht für die Schule, sondern für dich selbst.
Ich habe mit zwölf Jahren eine Fortsetzung des „Höllischen Wunschpunsches“ von Michael Ende geschrieben.
Ist sie gelungen?
Es gibt Fragmente.
Welchen Bedeutungsunterschied haben die Musik und die Literatur in deinem Leben?
Das sind für mich zwei verschiedene Kunstrichtungen, die ich unabhängig von einander in unterschiedlichen Situationen und Gefühlslagen praktiziere. Musik hat für mich immer ein Entspannungselement. Wenn ich schreibe, bin ich irgendwie doch immer mit dem berühmten inneren Drang dabei und versuche etwas auszudrücken. Musik ist für mich etwas, wo ich Ausführender bin. Ich komme von der Klassik und habe daher kaum Improvisation gemacht. Musik ist bei mir eher mit Vorlesen vergleichbar. Irgendwie ist es auch Kunst und ich mache es gerne, ich bin auch ganz bei der Sache, aber wenn ich einen guten Text vorlesen kann, bis ich irgendwie mehr Autor, mehr Produzent.
Das heißt, du komponierst nicht, sondern du spielst „nur“ nach. Du bist Reproduzent in der Musik und Produzent in der Literatur.
Das würde ich so sehen.
Warum Musik, warum ein Instrument?
Es lag in der Familie. Beide Eltern spielen Geige. Ich wollte das auch. Ich habe ebenfalls eine Leidenschaft dafür entwickelt. Mit fünfzehn, sechzehn wollte ich es studieren. Habe dafür auch zwei Jahre sehr intensiv geübt. Ich war sogar Jungstudent am Konservatorium. Musik ist aber ein bißchen Verführerisch, finde ich. Sie ist handwerklich zwar sehr schwierig, aber sie bleibt eine intellektuelle Angelegenheit, wenn man sie nicht auf einem sehr hohen Niveau betreibt. Wenn man sie nicht wirklich ernst nimmt, sich voll hineinfallen läßt, kann man sich intellektuell einfach durchlavieren. Ohne das abwertend zu meinen: Es gibt viele hochintellektuelle Musiker, das ist keine Frage. Man kann es betreiben und sich nur auf seine handwerklichen Fähigkeiten verlassen, auf das, was notwendig ist, ohne das Gefühl zu haben, sich zu verausgaben. Das war für mich eine Zeitlang ein angenehmer Gedanke, bis ich festgestellt habe, daß es eben nicht mein Art ist, sieben oder acht Stunden am Tag zu üben. Trotz des hohen Zeitaufwandes fühlte ich mich nicht ausgelastet, weil ich nichts anderes hatte als die Musik. Das soll aber auf keinen Fall eine Herabwürdigung von Leuten bedeuten, die sieben oder acht Stunden am Tag üben, weil das oft hochintelligente Leute sind, die sich mit der Musik auf extrem analytische Weise befassen.
Das habe ich nicht getan. Ich genoß die Musik. Ich höre fast nur klassische Musik. Aber ich habe damals nicht den intellektuellen Zugang, sondern das Ganze mehr als Handwerk gesehen.
Du hast einen Bruder. Hat er auch Bezüge zur Musik, zur Kunst?
Er spielt Geige und er spielt sehr gut Geige. So weit ich das mitbekomme, glaube ich, daß er eher den handwerklichen und genießerischen Aspekt der Musik auslebt. Schriftstellerei oder Sprache ist nicht seins. Er ist in der Musik zu Hause.
Muß man sich das so idyllisch vorstellen, daß ihr da zu viert sitzt und miteinander Hausmusik macht?
Ich glaube, das war von meinen Eltern so geplant. Aber es hat nicht gut funktioniert. Mit einem Instrument ist das am Anfang so: die Eltern spielen es und man denkt, das ist gut. Aber nach zwei, drei Jahren, vielleicht schon früher, beginnt es zu kriseln und man versteht eigentlich nicht mehr, warum man täglich üben soll. Meine Erinnerungen an die Geige und die Familie sind in den seltensten Fällen mit Idylle verbunden. Sehr oft gab es natürlich die Situation, daß ich lieber Fußball spielen gehen wollte, aber zuvor noch eine halbe Stunde üben mußte. In meiner Familie gab es nie einen Wunderkindzwang, aber eines war ganz klar: Ich hatte mich entschieden Geige zu lernen, also mußte ich es auch durchziehen, oder ich höre endgültig damit auf. Das wollte ich aber auch wieder nicht.
Ich habe da so Fantasien im Kopf. Jeder in der Familie spielt ein Instrument, das hört sich ganz harmonisch an. Im Salzkammergut gibt es ja so eine Form von Klischee. Da spielt jeder in der Familie ein anderes Instrument, und abends, wenn die Familie beisammen sitzt, werden die Instrumente zur Hand genommen und dann wird gespielt und gesungen. Zumindest stellen die Touristiker das in den Imagefilmen über das Salzkammergut so dar. Und weil alle am Tisch sitzen und singen, wird unterstellt, die Familien seien intakt. Über dieses Bild kann Normalität hergestellt werden.
Über die Musik kann man vielleicht was aufbauen. Ich habe aber nie erfahren, wie das funktioniert. Ich habe erst im nachhinein, also erst mit sechzehn, siebzehn Jahren, begonnen mit meinen Eltern Kammermusik zu machen. Ich kann mich nicht erinnern an solche Szenen. Aber es ist ein schönes Bild.